Die Nacht der Physiker
Dass der Kalte Krieg nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann, ist hinlänglich bekannt oder sollte zumindest bekannt sein. Auch wenn vollkommen unstrittig die »Hauptursache« (Ian Kershaw) des Krieges in der Politik Hitler-Deutschlands lag, sind die Jahre 1939 bis 1941 mitentscheidend, um den Wettlauf um die technische Bändigung der Atomkraft zu verstehen – die dann in deren Entfesselung am 6. und 9. August 1945 mündete. Zur Frage, wie weit Deutschland in diesem Wettlauf bis Kriegsende gekommen war, ist viel publiziert und spekuliert worden. Trotz prominenter Beiträge von Mark Walker oder Rainer Karlsch halten sich Mythen und Verschwörungstheorien um die »deutsche Bombe« hartnäckig.
In diesem Kontext berichtet das Buch von Richard von Schirach nur wenig Neues. Es fokussiert auf Farm Hall, jenen Landsitz in der Nähe von Cambridge, in dem ein knappes Dutzend deutscher Kernphysiker um die beiden Zentralfiguren Otto Hahn und Werner Heisenberg exakt ein halbes Jahr interniert waren. Sechs Monate ist der Zeitraum, für den der englische Monarch einen Kriegsgegner ohne Anklage internieren kann. Entsprechend ist dieses halbe Jahr auch der Zeitraum, in dem die Alliierten klären mußten, ob vom deutschen Wissen um die Kernkraft eine mögliche Gefahr für die Nachkriegsordnung ausgeht. In dieser Konzentration auf die Gespräche, die Abhörprotokolle, die Zeitvertreibe, Ängste und Visionen der Physiker liegt die Stärke dieses Buches. Flüssig geschrieben, lesen sich zahlreiche Passagen wie ein spannender Krimi, auch wenn mancher Formulierung eine Präzisierung nicht geschadet hätte.